Die
in dem vorstehenden Text vorkommenden Bezeichnungen von
Punkten,Geraden,Schnittpunkten usw. finden sich auf den Abbildungen des
Buches wieder, die aber aufgrund des hier bestehenden Maßstabes und der
Bildauflösung nicht wiedergegeben wurden. Die Reliefpunkte können aber
auch rechnerisch ermittelt werden. In einer anderen jetzt folgenden
Einführung habe ich das kurz angerissen.
Einige mathematische Grundlagen
der Reliefperspektive
Unter der Reliefperspektive versteht man eine besondere Form
der Perspektive. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist die Perspektive eine
Erscheinung unserer räumlichen Betrachtungsweise, deren Einfluß sich
darin äußert, daß wir mit wachsender Entfernung der Gegenstände eine
zunehmende Verkürzung der Strecken wahrnehmen. Mathematisch gesehen ist
die Perspektive ein Abbildungsverfahren der Raumpunkte des umgebenden
Raumes durch Abbildungsstrahlen, die einen gemeinsamen Schnittpunkt
haben, auf eine Ebene. Dieser gemeinsame Schnittpunkt, auch Augpunkt,
Zentralpunkt oder Zentrum genannt, muß außerhalb der Abbildungsebene
liegen. Das Abbildungverfahren wird als Zentralprojektion bezeichnet.
Das Besondere der Reliefperspektive ist die Abbildung der Raumpunkte
auf einen durch zwei parallele Ebenen begrenzten Teil des Raumes und
nicht auf eine Ebene. Das Bild der Raumpunkte ist somit im Allgemeinen
ein flaches Relief, begrenzt durch die beiden Ebenen. Diese Form der
Darstellung sollte der Künstler überall dort anwenden, wo es darum
geht, einen Raum in einer flachen Bildhauerarbeit, einem Relief,
wiederzugeben. Reliefperspektivische Abbildung und
zentralperspektivische ebene Bilder haben hinsichtlich ihrer
Betrachtungsweise einige Gemeinsamkeiten. Für beide gilt, daß sie nur
für eine bestimmte Lage des beschauenden Auges einen naturgetreuen
Eindruck vermitteln. Der Betrachter der reliefperspektivischen
Abbildungen müßte deshalb sein Auge in die Lage des Zentralpunktes
bringen. Nur von diesem Punkt aus, für den das Relief konstruiert ist,
erscheint es natürlich. Diesen Nachteil findet man auch bei Gemälden
und manchmal begegnet man in Gemäldegalerien Besuchern, die vor einem
Bild hin und her gehen, vor und zurück treten, um einen Standpunkt zu
finden, von dem aus das Bild den besten räumlichen Eindruck vermittelt.
Das betrachtende Auge befindet sich dann zumindest in der Nähe des
Zentralpunktes. Ein weiterer Aspekt ist die Tatsache, daß wir Gemälde
und Reliefs mit beiden Augen betrachten, sie jedoch nur monokular
betrachten dürften.
Dies führt zu Verzerrungen bei der Widerspiegelung. Man sollte aber
diese Nachteile nicht überbewerten.
Die Reliefperspektive beruht auf einer eindeutigen Abbildung der
Raumpunkte auf die Reliefpunkte. Man findet die Punkte des Reliefs rein
geometrisch durch folgendes Konstruktionsverfahren: Zunächst müssen die
beiden parallelen Begrenzungsebenen in ihrer Lage bestimmt werden. Man
wählt eine entsprechende Entfernung des Zentralpunktes Z von der
vorderen Ebene, die dem Betrachtungsabstand entspricht. Dann legt man
den Abstand der beiden Ebenen voneinander fest. Dieser Abstand ist
gleichzeitig die Tiefe bzw. Höhe des Reliefs. Die hintere Ebene sei Y
oder die Fluchtpunkt-ebene, die vordere die Ebene X oder die Bildebene.
Wir ziehen durch einen Originalpunkt A des Raumes eine beliebige Gerade
g, die die Ebene X in einem Punkt S schneidet ; legen durch den
Zentralpunkt Z zu dieser Geraden g die Parallele ZF, welche mit der
Ebene Y den Schnittpunkt F liefert ; verbinden die beiden Punkte S,F
durch die Gerade g1 und ziehen den Projektionsstrahl AZ, der auf g1 den
Reliefpunkt A1 ergibt.
In gleicher Weise kann zu jedem Originalpunkt ein entsprechender
Reliefpunkt gefunden werden. Voraussetzung für dieses Verfahren ist
eine maßstäbliche Zeichnung des Grund- und Aufrisses des
darzustellenden Raumes. Hier ist schon erkennbar, daß eine
zeichnerische Ermittlung der Reliefpunkte praktisch nur für
geometrisch einfache Körper oder einzelne Raumpunkte sinnvoll ist.
Die Reliefperspektive hat noch einige Merkmale, die bei der Erarbeitung
des Reliefs beachtet werden müssen:
1. Die unendlich fernen Punkte des
Originals ergeben Reliefpunkte, die alle in der hinteren Ebene, der
Fluchtpunktebene Y, liegen.
2. Parallele Originalgeraden werden im
Relief als Geraden abgebildet, die einen in der Ebene Y liegenden
gemeinsamen Schnittpunkt haben. ( Ausnahme siehe 3. )
3. Jede zur Bildebene X parallele
Originalgerade oder - ebene wird im Relief als zu ihr parallele
Reliefgerade oder — ebene abgebildet.
4. Originalpunkte des Raumes, die in
der Bildebene X liegen, werden auf sich selbst abgebildet.
5. Verkleinert man den Abstand der
Fluchtpunktebene von der Bildebene, so wird des Relief immer flacher.
Ist ihr Abstand 0, so wird aus
dem Relief eine ebene perspektivische Abbildung.
Demnach kann man ein
zentralperspektivisches Bild als unendlich flaches Relief bezeichnen
und ist somit ein Sonderfall der Reliefperspektive.
6. Wird der Abstand der beiden Ebenen
X und Y vergrößert, so wird das Relief dem Original immer ähnlicher und
ist bei unendlich groß gedachtem Abstand mit dem Original identisch.
Diese 6 Merkmale sollen zu den Abbildungseigenschaften der
Reliefperspektive genügen - es geht doch in den meisten praktischen
Fällen um keine genaue geometrische Konstruktion des Reliefs und
nachfolgende Übertragung auf das plastische Kunstwerk. Trotzdem sollte
für alle, die es interessiert, eine Möglichkeit gegeben werden, um
besondere Darstellungsverhältnisse zunächst geometrisch zu ermitteln.
Die Anlage des Reliefs, besonders die Abstände der Reliefpunkte von der
Fluchtpunktebene oder der Bildebene, läßt sich aber auch rechnerisch
nachprüfen. Dazu dienen die nachstehenden Formeln, deren Symbole jetzt
erläutert werden sollen.
e - Entfernung des Originalpunktes vom Zentralpunkt (nur
Raumtiefenkomponente y)
c - Abstand der Bildebene X vom
Zentralpunkt
t - Abstand der Bildebene X von der
Fluchtpunktebene Y (Höhe bzw.. Tiefe des Reliefs)
f - Abstand des Reliefpunktes von der
Fluchtpunktebene
d - Abstand des Reliefpunktes von der
Bildebene
b - Tiefenunterschied im Relief ( d1 - d2 )
s - Tiefenunterschied im Original ( e1 - e2 )
1. Bestimmung des Abstandes des
Reliefpunktes von der Bild- bzw. Fluchtpunktebene
Beispiel:
Das Relief soll eine Höhe t von 2o cm haben.
Der Betrachtungsabstand c sei 4 m. Der darzustellende Punkt im realen
Raum (Originalpunkt) hat vom Beschauer einen Abstand e von 7 m.
Es gilt die Formel:
\[ d = \frac{{e - c}}{{e + t}} \cdot t \]
d = 8.3cm = 83 mm
Der Reliefpunkt hat einen Abstand von 83 mm von der vorderen
Reliefebene, der Bildebene.
\[
\begin{array}{l}
t = A + \sqrt {A^2 + B} \\
A = \frac{{s \cdot c - (e_1 + e_2 ) \cdot b}}{{2 \cdot (b + e_2 - e_1 )}} \\
B = \frac{{b \cdot e_1 \cdot e_2 }}{{e_1 - e_2 - b}} \\
\end{array}
\]
Die obige Formel ermöglicht die Bestimmung der anzuwendenden
Relieftiefe, wenn z.B. die Tiefenausdehnung einer Originalfigur zu
einer bestimmten Modellausdehnung werden soll.
2.
Transformation von Realpunkten in Reliefpunkte
3. Beispielbestimmung der Reliefpunkte
eines Würfels
gegeben:
Kantenlänge 100mm, Kante nach vorn, c = 500mm, t =300mm